WORTE AUS LEIPZIG · SEIT 2019
Ida LorenzLeipzig,
Manche Gedanken brauchen ein bisschen länger. Einen freien Nachmittag. Eine Tasse Kaffee. Und eine Maschine, die nichts anderes kann, als Wörter aufs Papier zu bringen.
Ich bin Ida. Ich schreibe Geschichten und sammle die kleinen Dinge, die sonst verloren gehen. Hier finden sie einen Platz. Schön, dass Sie da sind.
Herzlich,
Ihre Ida Lorenz
Archiv6 Blätter · 2026
Kolumnen in umgekehrter Reihenfolge. Jedes Blatt wird neu eingespannt, wenn Sie es aufrufen.
Es gibt ein Geräusch, das mir in keinem Programm je begegnet ist: das helle Pling, kurz bevor die Zeile voll ist. Die Glocke sagt nicht „Stopp“. Sie sagt: Noch sieben Anschläge, entscheide dich.
Ich habe lange geglaubt, das sei eine technische Nebensache. Dann habe ich gemerkt, wie viele meiner Sätze genau an dieser Stelle kürzer werden. Man tippt „wahrscheinlich“, hört die Glocke und schreibt stattdessen „wohl“. Die Maschine redigiert mit, leise und unbestechlich.
Jede Zeile hat eine Grenze. Das ist keine Einschränkung, sondern ein Rhythmus.
Am Bildschirm fließt der Text einfach weiter, bis er irgendwo umbricht. Niemand fragt mich. Vielleicht vermisse ich deshalb die Glocke: Sie ist die einzige Lektorin, die nie müde wird.
Diese Woche habe ich ein Experiment gemacht. Ich habe eine Erzählung am Laptop geschrieben und jede Zeile nach sechzig Zeichen hart umbrochen. Das Ergebnis war ungelenk, aber ehrlicher. Die Wörter mussten sich wieder anstellen.
Nächste Woche: warum ich trotzdem nie wieder ohne Suchen-und-Ersetzen leben möchte.
Meine Nachbarin hält es für eine Marotte. Jeden Samstag spanne ich einen halben Bogen ein und tippe, was fehlt. Milch. Äpfel. Ein neues Farbband, zweifarbig, schwarz und rot.
Es geht nicht um Nostalgie. Es geht um das Gewicht der Entscheidung. Was ich tippe, steht da. Ein Wort am Telefon ist in einer Sekunde gelöscht; ein Wort auf Papier muss ich überkleben, durchstreichen oder aushalten.
Die Liste ist kurz geworden, seit ich sie tippe. Das ist, glaube ich, der eigentliche Trick: Wer für jedes Wort einen Anschlag bezahlt, kauft weniger Unsinn.
In der untersten Schublade liegt ein Stapel Durchschläge. Das Original ist nie angekommen, weil es nie losgeschickt wurde. Nur die blassen Kopien auf dünnem Papier sind geblieben.
Ein Brief an den Vermieter, sehr höflich und sehr wütend. Ein Brief an eine Freundin aus der Schulzeit, drei Seiten lang, der mit „Ich weiß nicht, ob du dich erinnerst“ beginnt. Ein Brief an mich selbst, datiert auf einen Winter, den ich lieber vergessen hätte.
Manchmal lese ich sie. Nicht, um etwas zu bereuen, sondern um zu sehen, wie sich die eigene Stimme verändert. Der Durchschlag ist ehrlicher als jedes Tagebuch: Er zeigt jeden Tippfehler, jeden Zweifel, jede Stelle, an der die Taste zu fest getroffen wurde.
Ein Durchschlag ist die Erinnerung an einen Mut, der am Briefkasten endete.
Aus einem dieser Briefe ist später das erste Kapitel meines Romans geworden. Die Freundin hat ihn gelesen. Sie hat sich erinnert.
Man merkt es erst an den Rändern. Das kleine e wird grau, das m bekommt eine blasse Schulter. Irgendwann sieht die Seite aus wie ein Foto, das zu lange in der Sonne lag.
Ich wechsle das Band trotzdem zu spät, jedes Mal. Es hat etwas Tröstliches, wenn die Schrift müde wird, während der Text noch wach ist. Die Maschine zeigt mir, wie viel ich geschrieben habe — in Grautönen statt in Wortzahlen.
Für die Überarbeitung nehme ich die rote Hälfte des Bandes. Rot heißt bei mir nicht falsch, sondern: Hier atmet der Text noch nicht. Hier fehlt ein Satz, oder hier ist einer zu viel.
Ein neues Farbband kostet vier Euro. Ein Satz, der endlich sitzt, ist unbezahlbar. Und trotzdem freue ich mich jedes Mal über das tiefe, satte Schwarz der ersten Seite danach.
Einmal habe ich „Sehnsucht“ geschrieben und „Sehsucht“ getippt. Ich habe es stehen lassen. Die Figur in dieser Szene sucht tatsächlich etwas mit den Augen, nicht mit dem Herzen. Der Fehler wusste es vor mir.
Auf der Schreibmaschine ist jeder Fehler ein kleines Ereignis. Man hält inne, holt das Korrekturfläschchen, pinselt, pustet, wartet. In dieser halben Minute passiert erstaunlich viel. Manchmal entscheide ich mich danach für ein ganz anderes Wort.
Am Bildschirm verschwinden Fehler, bevor man sie bemerkt hat. Das ist praktisch. Aber ein paar gute Ideen sind mir so wohl auch verloren gegangen.
Seien Sie also nachsichtig, wenn Ihnen auf diesen Seiten ein weißer Klecks begegnet. Er gehört dazu.
Der erste Satz eines Romans ist eine Tür. Man will, dass sie sich leicht öffnen lässt, aber nicht so leicht, dass man hindurchfällt.
Für mein neues Buch habe ich den ersten Satz bisher dreimal geschrieben. Version eins war zu klug. Version zwei war zu leise. Version drei liegt gerade im Wagen, halb getippt, und ich traue mich nicht, die Zeile zu beenden.
Vielleicht ist das der Grund, warum ich Kolumnen schreibe: Sie erlauben mir, jede Woche einen ersten Satz zu üben, der nicht gleich ein ganzes Buch tragen muss.
Wenn der Roman erscheint, verrate ich Ihnen, welche Version es geworden ist.
BücherVerlag Kupferstich
Vierzehn Essays über das, was zwischen den Wörtern steht: Pausen in Gesprächen, leere Zeilen in Briefen, das Schweigen einer Stadt am Sonntagmorgen.
Leipzig, 1989. Eine Stenotypistin im Rathaus bewahrt heimlich die Durchschläge von Briefen auf, die nie hätten geschrieben werden dürfen. Dreißig Jahre später findet ihre Enkelin den Karton.
Neun Geschichten über Menschen, die unterwegs sind und nicht ankommen wollen. Ausgezeichnet mit dem (erfundenen) Förderpreis der Mitteldeutschen Buchwochen.
Erhältlich in jeder Buchhandlung — am liebsten in Ihrer nächstgelegenen.
LesungenHerbst & Winter 2026
Ich lese aus „Kleine Grammatik des Schweigens“ und aus dem entstehenden Roman. Die Schreibmaschine kommt meistens mit.
Veranstalter erreichen mich über die Post. Honorar und Technik stimmen wir gern vorab ab.
Über michLeipzig
Ich bin 1979 in Görlitz geboren, habe in Leipzig Germanistik studiert und zehn Jahre als Lokaljournalistin gearbeitet. Seit 2019 schreibe ich hauptberuflich.
Meine Schreibmaschine heißt nicht, sie ist einfach da. Grün, 1964, ein Geschenk meiner Großmutter, die damit Rechnungen für eine Gärtnerei geschrieben hat. Ich tippe erste Fassungen darauf und überarbeite am Rechner. Die Kolumne erscheint alle zwei Wochen, meistens donnerstags.
Wenn ich nicht schreibe, repariere ich Fahrräder schlecht und koche Suppen gut.
— I. L.
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